Durchblickt: die Kunst, ein erfolgreiches Bewerbungsgespräch zu führen

Über Bewerbungsgespräche sind schon sehr viele, sehr richtige Dinge sehr oft gesagt worden. Dieser Beitrag fokussiert sich auf einige Aspekte, die bisher weniger beleuchtet wurden.

Allgemein betrachtet:

Nach einer Untersuchung vom „Human Ressource Management Magazin“ in 2017 betrachten 81% Bewerbung als Chance. Eben. Die Kunst liegt lediglich darin, weder zu dick auf zu tragen, noch sein Licht unter den Scheffel zu stellen. Bewerben ist wie flirten. Man bereitet sich darauf vor, möchte aber man selbst sein. Will sich zeigen, wie man ist, und trotzdem die Schokoladenseite zur Geltung bringen. Auch wenn einem selbst in diesem Moment all die negativen Details in den Sinn kommen, die einen gerade nicht für den ausgeschriebenen Job qualifizieren. Man plant, eine hoffentlich längere- (Geschäfts-)Beziehung ein zu gehen und sollte sich daher nicht zu sehr verstellen. Die Fassade kann nicht ewig aufrechterhalten werden.
Jede Bewerbung ist eine soziale Neu-Orientierung in Sachen Orte, Menschen, Umstände.
Wenn man irgendwo hin will, sollte man zumindest die Richtung kennen. Wer lediglich „weg von“ etwas anderem will (schlechter Bezahlung, miesepetriger Chef), schmälert seine Chancen von vornherein. Lieber erst die Richtung bestimmen. Dazu hilft es, folgende Fragen für sich selbst zu beantworten: Was kann ich wirklich richtig gut? Was will ich wirklich? Wofür sollen mich künftige Kollegen erinnert werden? Was kann ich, was nicht in der Stellen-Ausschreibung steht, aber sehr nützlich für den Job/ das Unternehmen sein könnte (wer sich auf eine Marketing-Stelle bewirbt, und toll programmieren kann, sollte da ein Spotlight drauf setzen- auch wenn danach nicht direkt gefragt war in der Ausschreibung.

Wer bin ich?

Bereiten Sie zum Gespräch selbst zwei bis zwei Geschichten über sich vor, die anschaulich verdeutlichen, was Sie zu dem gemacht hat, was Sie heute sind. Was waren die einschneidenden Erlebnisse, die beruflichen und persönlichen Entscheidungen geprägt haben?
Wichtig ist, dass Sie dem Unternehmen ein klares Bild von sich vermitteln. Versuchen Sie wenig darüber nach zu denken, was das Unternehmen brauchen könnte, etc. Dessen „geheime Agenda“ erschließt sich ohnehin nicht. Stellen Sie lieber das, was Sie anbieten können, in einem deutlichen Licht dar.

Der „Anwalt des Teufels“

Wertvoll in der Vorbereitung ist es, all die Fragen zusammen zu tragen, die gestellt werden könnten und deren Beantwortung Sie kompliziert finden. Genau das sollten Sie aber vorab tun: am besten gemeinsam mit jemandem, dem Sie vertrauen.

Mut zur Lücke

Versuchen Sie nicht, jedes Detail vorzubereiten. Fokussieren Sie sich auf die Aspekte, bei denen sich zwischen dem Unternehmen/ der Position, und Ihnen als Persönlichkeit, eine positive Verbindung herstellen lässt. Wo liegen Gemeinsamkeiten? Je grösser die kommunikative „Tanzfläche“ ist, auf der Sie sich mit Ihrem Interview-Partner bewegen, desto leichter gelingt ein solches Gespräch.

Neugier

Seien Sie neugierig, sowohl vor als auch im Gespräch. Stellen Sie sich dazu vor, Sie würden sich NICHT bewerben bei dem Unternehmen, sondern wären einfach nur als Gast geladen. Wofür würden Sie sich konkret interessieren? Sollten Sie feststellen, dass Sie nichts, aber auch gar nichts wirklich interessiert, sollten Sie Ihre Bewerbung möglicherweise grundsätzlich überdenken.

Auf fremdem Terrain

Die ersten Worte nach dem Handshake fühlen sich immer komisch an. Es bleibt Small Talk. Der verfolgt immer zwei Ziele: sich selbst in positive Stimmung versetzen, und einen gemeinsamen positiven Anknüpfungspunkt schaffen. Noch niemand hat mit Small Talk eine Job ergattert, aber ohne Small Talk bleiben die Türen ganz verschlossen. Grund genug, ihn aktiv zu gestalten. Zum Beispiel: Was gefällt Ihnen an den Ort, an dem Sie zum Gespräch eingeladen wurden? Das kann von Licht über Stühle über Kaffeetassen alles sein. Welche Besonderheiten sind Ihnen auf dem Weg zum Gespräch aufgefallen?

„Erzählen Sie doch mal was über sich“

Die berühmte Einstiegsfrage: „Erzählen Sie über doch bitte was über sich“ hat zwei Funktionen für den Interviewer:
1) Ihnen wirklich die Chance zu geben, sich zu präsentieren
2) Anknüpfungs-Punkte für den weiteren Gesprächsverlauf zu finden
Dieser Teil des Gespräches ist extrem wichtig und gut für Sie zu beeinflussen. Hier gilt: Das Wichtigste zuerst. Bringen Sie etwas ein, was Ihnen wirklich wichtig ist, was Sie -beruflich- interessant macht. Auf gar keinen Fall beten Sie Ihren Lebenslauf runter!

Die Aufgabe an sich:

Auch hierüber lässt sich vorab nachdenken: Was interessiert Sie wirklich an dem Job? Wo sehen Sie die Herausforderungen? Was machen Sie mit links? An welchen Aufgaben wollen Sie wachsen? Toll ist auch die „Nachfolger“-Frage: Stellen Sie sich vor, sie machen diesen Job, auf den sich bewerben, sehr gut und werden befördert. Was werden Sie dann erreicht haben? Wie soll Ihr Nachfolger den Job nach Ihnen weiterführen?

Die Outfit-Frage

Kleidungs-technisch sollte beim Bewerbungsgespräch der große Rahmen stimmen, ein oder zwei Details dürfen gern farblich oder im Muster aus dem Rahmen fallen.
Wichtig: das gewählte Outfit bei einer ähnlichen Gelegenheit (mindestens 3h lang) vorher Probe tragen. Wenn Sie sich nach dieser Zeit in dem Outfit immer noch wohl fühlen, wird es auch während des Gespräches komfortabel sein. Falls Sie die Branche wechseln, lohnt sich ein Blick in die Gepflogenheiten dieser Branche. Diese als Basis nutzend, können Sie daran Ihre individuelle Note zufügen.

Wort-Wahl:

Strukturieren Sie das Gespräch vorab für sich selbst: was muss gesagt/ gefragt werden, was ist eher nebensächlich und kann im Falle eines Falles auch weg gelassen werden? Und- ja, natürlich dürfen Sie Notizen ins Gespräch mitnehmen. Ist ja keine Prüfung.
Achten Sie darauf, dass Sie gleichermaßen effektiv und empathisch kommunizieren. „Ja“ und „Nein“-Antworten sind zwar effizient, aber null empathisch. Bauen Sie Ihrem Gesprächspartner Brücken. Machen Sie es leichter für den anderen, die nächste Frage an zu schließen. Dadurch gelingt es vielleicht auch, das Gespräch in Ihre Richtung zu lenken.
Nutzen Sie Verben, so oft Sie können. Lieber „Ich habe zehn Kunden betreut“ sagen als „Ich war Key Account Manager“. Slang und Marketing-Sprech wird inzwischen dankbarerweise schnell durchschaut. Lieber gleich weglassen. Mit den Fachbegriffen der jeweiligen Branche sollten Sie sich jedoch auskennen. Hören Sie genau hin. Klingt banal, wird aber besonders in Stress-Situationen (und ein Bewerbungssituation ist immer Stress) vergessen. Wir hören oft nur zu, um unsere eigene Botschaft los zu werden. Nicht jedoch, um die eigentliche Frage zu beantworten. Im Ernstfall ist Nachfragen ein probates Mittel („Was meinen Sie genau? Geht es Ihnen eher um x oder y?“)

Umgebung

Trotz Nervosität: Seien Sie aufmerksam. Versuchen Sie, soviel von Ihrer Umgebung bewusst wahrzunehmen. Die Farben am Empfang. Den Ausblick aus dem Fenster. Vielleicht riecht es irgendwo nach Kaffee? All diese Wahrnehmungen können Sie nutzen, um das Gespräch zu bereichern. Außerdem lenkt das auf unauffällige Weise ab und entspannt. Wichtig dabei: Bleiben Sie sich treu. Auch wenn der mögliche künftige Kollege, der an Ihnen vorbeikommt, gefühlt 100mal besser angezogen ist als Sie, nehmen Sie das freundlich zur Kenntnis – ohne es zu bewerten.

Körpersprache

Kleine körperliche Veränderungen im Gespräch bewirken oft entspannende Wunder. Die Position des Stuhles geringfügig ändern. Die andere Schulter nach vorn drehen. Aufstehen, um Wasser ein zu schenken. Auch lachen entspannt wunderbar. Mit zu Salzsäulen erstarrten Menschen kommuniziert es sich nur schwer.

Meta-Kommunikation:

Wenn Sie nervös sind oder so aufgeregt, dass es nicht zu übersehen ist, machen Sie es zum Thema und verknüpfen Sie es mit einer positiven Aussage über das Unternehmen: „Bei so vielen Quartalen mit zweistelligem Wachstum kann man schon mal nervös werden…“. Das kostet Aufmerksamkeit und Schlagfertigkeit, lohnt sich aber.